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28. Februar 2018

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Wir müssen nicht weniger, sondern anders ausbilden

Interview von Lena Schenkel erschienen in der NZZ, Dienstag, 28. Februar 2018.


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René Portenier, Rektor Grundbildung an der KV Zürich Business School, über die künftigen Herausforderungen für die kaufmännische Berufsausbildung. Das KV ist mit jährlich rund 11 000 neuen Schülern der am häufigsten gewählte Lehrberuf im Kanton Zürich.


Herr Portenier, laut einem heute von der Bildungsdirektion veröffentlichten Bericht fällt es Zürcher KV-Absolventen schwerer, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Weshalb?


Das ist eine neue Tendenz, die sehr schwer einzuschätzen ist. Es gibt noch keine Untersuchungen dazu. Ein Grund könnte sein, dass die digitalisierte Arbeitswelt Stellen obsolet gemacht hat.


Der Kaufmännische Verband rechnet mit bis zu 100 000 Stellen, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren gefährdet sind

.


Ich gehöre nicht zu den Wirtschaftspessimisten. Persönlich rechne ich mit 10 bis 15 Prozent weniger Stellen. Gerade Zürich als Hauptsitz der Finanz- und Versicherungsbranche braucht weiterhin KV-Abgänger. Wir hatten noch nie so viele neue Lernende wie in diesem Schuljahr.


Trotzdem ist die Zahl der KV-Lehrverträge in Zürich leicht rückläufig. Bilden Sie nicht zu viele Lehrlinge aus?


Nein. Wir müssen nicht weniger, sondern anders ausbilden. So sieht es auch die nationale Bildungsverordnung 2022 vor, die derzeit erarbeitet wird und auch die KV-Berufslehre umstrukturieren will.


Wie sollen die Schüler für die Anforderungen der Zukunft fit gemacht werden?


Fest steht, dass wir ihre Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen stärker fördern müssen. Wir wollen sie hinführen zu einem selbständigeren und vor allem lebenslangen Lernen.


Was heisst das für den Unterricht?


Ich denke, dass die Schüler einen Teil des Stoffes selbstorganisiert lernen und es weniger Präsenzzeiten geben wird.


Also auch weniger Lehrer?


Nicht zwingend. Auch selbständige Arbeiten müssen betreut und benotet werden. Trotzdem werden wir nicht umhinkommen, unsere Schulstrukturen zu überdenken.


Inwiefern verbessern Sie die Marktfähigkeit Ihrer Schüler bereits heute?


Wir fördern ihre sprachlichen Kompetenzen und somit ihre Mobilität. Unsere KV-Absolventen können etwa einen Teil ihrer schulischen oder beruflichen Ausbildung in der Westschweiz oder im Ausland absolvieren. Zudem bieten wir bilinguale Klassen an. Damit fördern wir vor allem Leistungsstarke.


Müssten Sie dafür nicht auch die Berufsmaturität des Typus 1 flexibilisieren, wie es die Zürcher Bildungsdirektion für gewisse Berufsausbildungen vorschlägt?


Dafür sehe ich bei uns keinen Handlungsbedarf. Wir haben ein integratives Modell; bei uns erhalten die Schüler Berufs- und Maturitätsausbildung an einem Ort, das hat sich bewährt.


Wie werden Ihre heutigen Schüler dereinst arbeiten

?


Ich denke, dass in Zukunft vermehrt projektbezogene Aufträge vergeben werden und es weniger feste Anstellungsverhältnisse im traditionellen Sinn geben wird. Arbeitnehmer werden künftig wohl jeweils für einige Monate oder Jahre verpflichtet. Deswegen ist es wichtig, dass heutige Schüler sich gut selbst organisieren können und flexibel bleiben. Das gilt natürlich auch für jene, die sie ausbilden.